Rückblick auf den Sommer und Herbst 2025
Es ist schon Tradition. Immer wenn wir in Paleo ankommen oder uns vom Dorf verabschieden, treffen wir uns mit unseren Freunden am ersten oder letzten Abend im Akamatra. Das hat einen einfachen Grund. Die Taverne ist mit unserer eigenen Paleo-Geschichte verwoben.
Zur gleichen Zeit, als wir unser Haus umbauten und sanierten, verfolgten Kostas und Frieda den Plan einer Taverne an der kleinen Platia in Akamatra, so nennt sich unser Ortsteil von Paleo Karlovasi. An einem regnerischen Frühjahrsabend, kurz nach unserer Übersiedelung 2022, hörten wir in der Taverne „Kerkis“ zum ersten Mal von dem Projekt vor unserer Haustür. Am Nachbartisch saß Kostas’ Vater mit Freunden. Natürlich waren wir sofort Feuer und Flamme, konnten es uns aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie es gelingen solle, den Platz von den damals dominierenden Mülltonnen und vor allem den Dauerparkern zu befreien. Es gelang - und wie es gelang ist HIER nachzulesen. Seit diesen Tagen sind wir mit der Taverne und vor allem mit der Familie eng verbunden.

Deshalb waren wir auch freudig überrascht, als Kostas an unserem ersten Akamatra-Abend im Frühjahr einen wichtigen Termin für Anfang Oktober ankündigte. Wir hatten da so eine Idee. Kostas grinste und machte ein Petzauge.
Nun leben wir schon seit 2022 den überwiegenden Teil des Jahres in unserem Dorf am südöstlichen Rand Europas. Zwischen Okzident und Orient, zwischen Abendland und Morgenland. Anfangs kannten wir nur wenige Dorfbewohner, allen voran unsere unmittelbare Nachbarschaft. Aber im Laufe der Jahre und sehr allmählich erschloss sich uns das verworrene Geflecht aus verwandtschaftlichen Verbindungen, freundschaftlichen Beziehungen, materiellen Abhängigkeiten und unterschwelligen Animositäten. Wir leben in diesem Dorf und mittlerweile sind auch wir teilweise in diesen sozialen Flickenteppich eingewoben.

Als wir vor vier Jahren in unser Haus einzogen, war es das einzig durch sanierte und dadurch bewohnbare Objekt in einer aneinandergebauten Häuserzeile in der Gasse unterhalb der Kirche Agios Nikolaos. Die anderen Objekte um uns herum waren unbewohnt oder baufällig. Fast die Hälfte aller Gebäude in Paleo sind nur temporär im Sommer oder gar nicht mehr bewohnt und Letztere oft in einem miserablen Zustand. Das ist nicht gut. Deshalb freuten wir uns, als sich vor zwei Jahren im unmittelbar rechten Nachbarhaus etwas tat.
An einem heißen Augustnachmittag 2023 erschien Alexandra mit ihrem Mann und einem befreundeten Paar aus Athen, um in ihrem alten Elternhaus gemeinsame Urlaubstage zu verbringen. So der Plan. Ein Verwandter, der in Karlovasi lebt, hatte vorher nach dem Rechten geschaut und es als okay befunden. War es aber nicht. Ein Haus, das sehr lange Zeit unbewohnt war, entwickelt ein Eigenleben. Noch am selben Nachmittag wurde entrümpelt und alle ungebetenen Hausbewohner hinausgeworfen. Alles musste untersucht, gesäubert und wieder eingeräumt werden. Es war windstill und die brütende Hitze wollte sich auch am Abend nicht abkühlen. Erschöpft und etwas desillusioniert saßen die Urlauber auf improvisierten Sitzgelegenheiten in unserer hinteren Gasse und hatten dort einen alten Ventilator in Gang gebracht. Ihr Ferienhaus verfügt weder über Balkon noch Außenterrasse und lässt sich zudem schlecht belüften. Wir versorgten unsere neuen Nachbarn mit kaltem Wasser, eingelegten Oliven und unserem WLAN-Passwort.
Als sie am anderen Tag versuchten, den Kühlschrank anzuschließen, fiel der Strom in der ganzen Gasse bis zum Akamatra aus. Ein Notdienst des Energieversorgers musste eine neue Leitung installieren und das am späten Samstagnachmittag. Nun konnte sich die Viererbande endlich etwas entspannen und Urlaubspläne schmieden.

Im Jahr darauf hatte Alexandra unseren Fliesenleger und Allrounder Kostas aus Paleo mit einem Umbau des oberen Wohnbereiches beauftragt. Die Arbeit sollte noch vor ihrem nächsten Aufenthalt erledigt sein. Aber als die Fähre aus Athen mit Aleka und Anhang bereits in den Hafen einlief, sah man Kostas noch mit Pinsel und Spachtel durch die renovierten Zimmer huschen. Beim Vorbeigehen fragte ich durch das geöffnete Fenster, ob er nun im Stress sei. Er schüttelte seelenruhig den faltigen Kopf unter dem blauen Käppi und meinte, wenn er zu früh fertig geworden wäre, würde das beim Kunden nur den falschen Eindruck erwecken, als hätte er den Arbeitsaufwand zu Ungunsten des Kunden falsch kalkuliert. Kostas grinste von einem Ohr bis zum anderen und malerte entspannt weiter.
Vor zwei Jahren tat sich auch etwas an dem stattlichen zweistöckigen Gebäude, das mit seinen Balkonen Richtung Akamatra weist. Zwei Topografen vermaßen mit ihren optischen Geräten, unterstützt von Laserstrahlern, das Objekt und die Umgebung. Das ist meist ein sicheres Zeichen für einen anstehenden Verkauf, denn dafür bedarf es eines solchen Vermessungsgutachtens. Bislang tat sich hier noch nichts, aber letztes Jahr wurde zur Überraschung aller das schmale, ziemlich heruntergekommene Objekt zwischen dem gerade vermessenen Gebäude und Alexandras Haus verkauft. Zwei Ebenen zu je 17 Quadratmetern ohne sanitäre Einrichtung, ohne Balkon oder Außenbereich, aber mit rostigem Wellblechdach. Wer kauft so etwas? Der Mann heißt Dimitris, kommt ursprünglich von der Insel Serifos und hat einen Plan. Darüber später mehr.
Der Drachentöter
Um Pfingsten wird es in den Dörfern weiß. Das große Tünchen von Mauern, Häuserwänden und Gassen überzieht alles mit in Wasser gelöstem Kalk. Das Weißtünchen geht angeblich auf einen Cholera-Ausbruch in den 1930er-Jahren zurück. Damals wurden die Griechen angewiesen, ihre Häuser mit Kalkfarbe zu streichen. Kalk ist ein starkes Desinfektionsmittel. Die gekalkten Objekte sollen dadurch weniger Bakterien und Schimmel ansetzen. Zudem sind die getünchten Flächen ein idealer Hitzeschutz. Die weiße Farbe reflektiert die Sonne und hält die Häuser kühl.
In der Straße vor unserem Haus übernimmt das Kalken die Gemeinde. In der kleinen heimeligen Gasse darunter erledigen wir das gemeinsam mit unserer lieben Nachbarin Marie zur Rechten. Es ist schließlich unser Terrain. Bei dieser alljährlichen Gemeinschaftsaktion gibt es auch einen heimlichen Hauptdarsteller. Mastoras Georgios, Meister Georgios, ist ein eigenwilliger Junggeselle unbestimmbaren Alters, der sich mit allerlei Aufträgen durchschlägt. Er ist aktives Mitglied in Marias Kirchengemeinde und findet seine kleinen Jobs aus diesen Kreisen. Meist sind es ältere Damen, denen er mit seiner handwerklichen Geschicklichkeit behilflich ist.

Bei Maria ist seine Hauptaufgabe neben dem Weißtünchen der Mauern, die Pflege und das Ausrichten ihrer vielen Blumentöpfe. Sie liebt ihre Blumen, die sie entlang der Gasse und auf ihren Treppen arrangiert hat. Auch Georgios versteht etwas von Pflanzen, hat aber oftmals völlig andere Vorstellungen von deren Pflege und Arrangement. An diesen Tagen kann es dann in unserer beschaulichen Gasse schon mal etwas lauter zugehen. Töpfe werden gerückt und unter lautem Protest wieder zurückgerückt. Das ständige Gescharre der Tongefäße wird mal von Marias aufgeregter Fistelstimme oder von Georgios’ brummigem Bariton begleitet. Meist setzt sich unsere Nachbarin durch und Meister Georgios quittiert es mit trotzigem Schweigen. Aber das hält er nicht lange durch. Spätestens in der nächsten Pause, wenn ihm Maria einen Kaffee mit etwas Süßem oder warmen Schafskäse in Blätterteig serviert, kommt das Gespräch wieder in Gang. Der Meister hat es sich auf ihrer Treppe bequem gemacht und sinniert, feste kauend, über den Fortschritt der Arbeit. Es dauert auch nicht lange, bis die beiden ihr zänkisches Ritual wieder aufnehmen. Nein, die Rosen standen immer da. Da ist es doch viel zu schattig. Und Blumentöpfe werden wieder kratzend über den Betonboden hin- und hergezerrt.

Bei allzu schweren Objekten bittet mich der Meister mit anzupacken. Aber gerne. Ich ziehe mir stabiles Schuhwerk und feste Arbeitshandschuhe an. Hinter und unter den schweren Töpfen kann es von allerlei Getier wimmeln. Vor allem Skorpione lieben das dunkle und feuchte Biotop. Der Meister erwartet mich in offenen Latschen und natürlich unbehandschuht. Ob er denn keine Angst vor Skorpionen oder Schlangen habe, erlaube ich mir zu fragen. Er kringelt sich vor Lachen und als er sich endlich beruhigt hat, zieht er eine flache, abgetragene Geldbörse aus einer Tasche seiner Shorts, kramt darin und zieht ein in Plastik eingeschweißtes Kärtchen heraus. Ich versuche angestrengt, etwas durch den transparenten, aber völlig vergilbten und zerkratzten Kunststoff zu erkennen. Georgios nimmt es mir wieder aus der Hand, dreht es um 180 Grad und zeigt bedeutungsvoll mit dem Finger: Ο Άγιος Γεώργιος. Der heilige Georg, der Drachentöter, Märtyrer und sein Namenspatron. Das Bild sei mit heiligem Wasser gesegnet und beschütze ihn vor Schlangen und allem giftigen Getier, betont er mit weit aufgerissenen Augen. Nachbarin Maria zieht im Hintergrund belustigt einen schiefen Mund. Der Meister bekreuzigt sich schnell dreimal mit kurzen Bewegungen und lässt das Relikt wieder in seiner Börse verschwinden. Nun können schwere Töpfe bewegt werden. Bis auf ein paar hektische Kellerasseln hat uns der heilige Georg vor gefährlicheren Kreaturen beschützt. Wenn das kein Grund ist, nach dieser gefährlichen Arbeit mit einem ordentlichen Souma anzustoßen.


Zeit für Katzenminze
Als wir 2021 unser Häuschen erwarben, gehörte laut Kaufvertrag eine 0,88 Stremma große landwirtschaftlich nutzbare Fläche dazu, verteilt auf sieben Terrassen, wobei sich nur circa 600 Quadratmeter nutzen lassen. Der Rest verliert sich in der Schlucht, im unwegsamen Buschwerk und im verborgenen Rückzugsort der Schakale. Das Grundstück liegt nicht direkt hinter unserem Haus, sondern uneinsehbar etwas unterhalb. Man erreicht das heimelige und sehr geschützte Areal über einen kurzen Treppenpfad.
Auf den Terrassen, die durch robuste Steinmauern mit darin eingelassenen Stufentritten gestützt werden, hat ein weitsichtiger Vorbesitzer Obstbäume gepflanzt: Orangen, Mandarinen, Granatäpfel und Quitten. Anfänglich konnten wir damit nicht wirklich viel anfangen. Mehr aus Verlegenheit schauten wir YouTube-Videos über Obstbaumschnitt und Pflege. Immerhin. Wir legten uns eine Baumschere zu und befreiten mehr oder weniger fachgerecht die Bäume von vertrockneten Ästen und Wassertrieben.
Mindestens einmal im Jahr wird das Grundstück von unserem Nachbarn Jannis, dem Mann von Maria zur Linken, mit einer Motorsense fachgerecht gereinigt. Das ist Vorschrift und eine sinnvolle präventive Maßnahme gegen Wald- und Buschbrände rund um die Dörfer.

Nach der Reinigungsaktion im Frühjahr sprach uns Jannis an und schlug vor, auf der zweiten und sonnigsten Ebene einen kleinen Garten anzulegen. Gute Idee, dagegen hätten wir nichts. Ich fügte scherzhaft hinzu, dass er uns im Gegenzug ab und an eine Gurke oder Tomate überlassen könne. Jannis lächelte verzögert, schüttelte aber energisch seinen schweren Kopf. Sein Zeigefinger richtete sich deutlich in unsere Richtung. „Εσείς, όχι εγώ!“ Ihr, nicht ich. Er schien die schwebenden Fragezeichen über unseren Köpfen zu bemerken und beschwichtigte aufmunternd: „Ihr seid noch fit und habt Zeit.“ Eigentlich hatten wir nie Langeweile und immer zu tun. Wandern, Lesen, Schreiben, am Computer arbeiten, Aquarellieren oder Fotografieren. Das würde sich in Jannis’ Ohren allerdings wie fade Ausreden anhören.
Er bot uns eine Möglichkeit für eine in seinen Augen selbstverständliche, nützliche und sinnvolle Tätigkeit. Etwas, was er und die meisten Nachbarn das ganze Jahr betrieben. Wir schauten uns an und nickten verlegen. Aber nur, wenn er uns am Anfang mit Rat und Tat zur Seite stehe. Sein breites freundliches Gesicht strahlte.
Wir besprachen noch einige Details. Er wollte mit seinen Söhnen und einer motorisierten Gartenfräse den Boden auf der zweiten Terrassenebene umgraben und auflockern. Wir kümmerten uns ums Wasser. Im landwirtschaftlichen Genossenschaftsladen in Limani erstanden wir zwei Gartenschläuche nebst Kupplungen und verlegten diese über ein brachliegendes Grundstück bis hinunter zu unseren Terrassen.

An einem sonnigen Morgen im Mai hatten wir uns mit Jannis verabredet. Zunächst zogen wir unter seiner Anleitung breite Furchen in das aufgelockerte Erdreich, wobei Jannis auf das leichte natürliche Gefälle der Ebene achtete. Dann zeigte er uns, wie und in welchem Abstand wir die Setzlinge, die er mitgebracht hatte, eingraben und die Erde darum vorsichtig festtreten sollten. Die erste Reihe mit Gurken war bald gesetzt. Die nächste Reihe bepflanzten wir mit Zucchini und Paprika, die übernächste mit Tomaten. Nun wurden wir in die Bewässerung eingeführt. Jannis öffnete vorsichtig am oberen Ende der Furche den Schlauch, sodass das Wasser durch das leichte Gefälle seinen Weg durch den künstlichen Graben finden konnte. Als sich die Furche in einen schmalen Stausee verwandelt hatte, verlegte er die Schlauchspitze in die nächste Furche und so weiter. Im Abstand von zwei bis drei Tagen sollten wir diese Staubewässerung wiederholen. Mehr gebe es nun nicht zu tun. Den Rest erledige die Natur. Etwas später, wenn die Setzlinge angegangen seien, wolle er uns zeigen, wie man den Wachstumsprozess mit Holzstöcken unterstützt.


Die erste Phase unseres neuen bäuerlichen Lebens ließ sich ganz entspannt an. Alle paar Tage ein wenig wässern und schauen, ob und was da wohl wächst. Lange tat sich wenig bis nichts. Und dann ging alles schnell und vor allem auf einmal. Alles regte und rankte sich, und wir kamen kaum damit nach, Stöcke in die Erde zu treiben und die jungen Gurken- und Tomatentriebe daran zu befestigen. Schon bald waren die Stöcke zu klein, und wir besorgten uns ummantelte Metallstangen, die deutlich stabiler waren.

Durch unsere stetige Bewässerung siedelten sich in unserem „Garten“ auch zahlreiche andere Pflanzen an, die unseren Zucchini und Paprika den Lebensraum streitig machten. Dagegen half nur beständiges Jäten. Auch musste der Boden ständig aufgelockert werden, damit das Wasser nicht zu schnell abfloss und auch die Wurzeln erreichte.
Mit der zunehmenden Gartenbeschäftigung wuchs auch etwas, was wir bislang so noch nicht kannten. Obgleich diese Arbeit auch manchmal etwas anstrengend und schweißtreibend war, machten wir sie gerne. Man wurde etwas schmutzig, aber auch innerlich gelassen und ruhig. Wenn wir dann in der Dämmerung auf unseren Plastikstühlen saßen und unser Tagwerk eine Ebene tiefer begutachteten, stellte sich ein besonderes Glücksgefühl ein. Danke, Jannis!

Im Juli ernteten wir die erste Gurke. Was für ein Tag. Sie schmeckte herrlich. Dann kamen die Tomaten. Sie waren nicht sonderlich groß, hatten aber ein fantastisches Aroma. Auch erste Zucchini hatten sich unter den großen Blättern versteckt. Einige waren leider schon vergammelt. Wir hatten es anscheinend mit der Staubewässerung übertrieben.

Als an einem heißen Augustabend unsere Nachbarschaft aus Athen wieder eingetroffen war, konnten wir sie mit Gurken und Tomaten aus unserem Garten überraschen. „Ihr seid ja richtige Dörfler geworden“, kommentierte Alexandra und nahm unser Gemüse freudig an.

Im Spätsommer bemerkten wir eine Veränderung im Garten. Die Tomaten wurden plötzlich fleckig, und die Blätter sahen von Tag zu Tag erbärmlicher aus. Auch die Gurken und Zucchini hielten sich im Wachstum zurück. Nur die Paprikapflanzen produzierten fleißig kleine grüne Schoten. Schließlich fragten wir Jannis um Rat. Er meinte, die Erde auf unserem Grundstück sei „άγρια γη“, keine domestizierte Ackerscholle, sondern noch wild und naturbelassen. Diese Böden hätten nur bedingt Nährstoffe und würden mit der Zeit auslaugen. Klang einleuchtend. Im nächsten Jahr müssen wir uns vor der Pflanzzeit mit dem Thema Düngung und Auflockerung des Erdreiches beschäftigen.
Aber dann entdeckten wir sie, seltsame Käfer, vor allem auf den Tomaten. Wir machten ein Handyfoto, und eine Insekten-Erkennungs-App identifizierte sie als „Halyomorpha halys“, als Stinkwanze, einen gemeinen Schädling. In unserer Not befragten wir unseren Gemüsehändler Kostas, der uns hin und wieder hilfreiche Gartentipps, etwa bei der übertriebenen Staunässe, gegeben hatte. Wir zeigten ihm das Foto der Stinkwanze. Seine mächtigen Augenbrauen wurden nach oben gezogen, und das breite, sonst so freundliche Gesicht verdüsterte sich. Nach einer langen Pause, in der seine mächtigen Kiefer etwas zu zerkauen schienen, sagte er endlich: „Γατοβότανο“. Da helfe nur Katzenminze. Wir sollten sie großzügig zwischen das Gemüse pflanzen, den Geruch würden die Biester meiden. 2026 wird das Jahr der Katzenminze!
Die neue Wasseruhr
An einem Herbstmorgen entdeckte ich eine Pfütze im Werkzeugkeller. Die Riechprobe war eindeutig: Wasser. Es hatte nun wochenlang nicht mehr geregnet. Ist im Gästezimmer vielleicht eine Wasserflasche ausgelaufen? Negativ. Ich räumte die Kellerwand im Bereich der Lache frei, und tatsächlich liefen kleine Tropfen über den schon feuchten Putz. Ich schloss die Hauptwassersperre. Es tropfte fröhlich weiter. Es kam also nicht aus dem Hausnetz. Das Wasser musste von außerhalb kommen. Aber woher? Mir dämmerte etwas. Vor zwei Jahren hatten wir schon einmal ein Leck an der Wasseruhr, die unter einer Metallplatte draußen auf der Gasse liegt. Also wieder rauf und raus auf die Agias Triados.

Auf der rechteckigen Bodenplatte parkte wie jeden Tag das alte rote Moped unseres neuen Nachbarn Dimitris aus Serifos. Er kommt jeden Morgen gegen acht und verschwindet bis zur Siesta in seiner Bauhöhle. Dimitris ist nicht nur sehr fleißig, er ist auch ein erfahrener und geschickter Handwerker. Im Laufe der letzten Wochen hatte er das Blechdach entfernt, eine Unterkonstruktion gezimmert und diese mit Ziegeln eingedeckt. Nun traktierte er gerade den felsigen Boden mit einem Presslufthammer, um den Innenraum nach unten zu vergrößern.
Ich musste ihn etwas anstupsen, um mich bemerkbar zu machen. Er zog den Lärmschutz von den Ohren und schaute mich erstaunt, aber freundlich an. Er kam sofort mit und parkte seine Knatter um. Gemeinsam hoben wir die Metallplatte an und sahen die Bescherung. Unter der alten Wasseruhr hatte sich eine Pfütze gebildet. Hier hatte ich mein Leck. Das wäre eine Kleinigkeit. Mein neuer Nachbar holte geschwind Werkzeug. Ich schloss den Haupthahn und begann mit einem Joghurtbecher, die Lache abzuschöpfen. Mit dem richtigen Schlüssel hatte Dimitris die Uhr schnell abgeschraubt. Entweder wäre die Uhr oder eines der beiden Verbindungsstücke undicht, die er prüfend in die Sonne hielt. „Warte. Ich besorge zwei neue.“ Er schwang sich auf sein rotes Moped und knatterte davon. Ich schöpfte weiter. Nach einer Viertelstunde hörte ich schon von weitem das Geknatter den Berg hochkommen. Dimitris hatte mal eben in einem Baumarkt zwei neue, glänzende Verbindungsstücke und Dichtungsringe gekauft. Ich zog sofort einen 10-Euro-Schein, er winkte energisch ab. Die neuen Teile waren schnell angeschraubt, das Wasser wieder aufgedreht. Still und leise tropfte es aus der Wasseruhr. „Χαλασμένο!“ Die Uhr war kaputt.

„Περίμενε!“ Warte, sagte er, ging zu seiner Baustelle und kam mit einem Karton zurück. Er habe sich gerade bei der Gemeinde eine neue Wasseruhr für sein Objekt besorgt. Er zeigte mir die neue Uhr. Unter einer Nummer war mit Filzstift sein Name gekritzelt. Die würden wir jetzt bei mir einbauen, und ich solle mir auf der Gemeinde eine neue besorgen. Die kaputte solle ich gleich mitnehmen, dann ginge es schneller. Und der Wasserverbrauch? Er lachte herzhaft, dafür sei ich ihm einen Souma schuldig.

Schon am nächsten Morgen war ich Punkt neun im Bürgermeisteramt in Neo Karlovasi und fragte mich nach der Abteilung für Wasser durch. Man verwies mich auf einen Schreibtisch in einem belebten Flur. Ein älterer Herr fläzte locker auf einem knarzenden Bürostuhl und war am Telefonieren. Als er mich bemerkte, nahm er mit der linken Hand einen Ordner von einem Plastikstuhl, schob ihn mit dem Fuß in meine Richtung und forderte mich mit den Augen auf, Platz zu nehmen. Natürlich ohne das Telefonat zu beenden. Geduldig ließ ich die Minuten verstreichen, bis schließlich das griechische Abschiedsritual in immer gleichen verbal-formelhaften Wiederholungen das Ende des Telefonats einleitete.
Er steckte das Handy weg und nickte mir zu. Ich wünschte einen guten Morgen, packte die defekte Wasseruhr aus der Plastiktüte und legte sie auf seinen Schreibtisch. Entsetzt, die Augen weit aufgerissen, starrte er mich an, als hätte ich ihm gerade eine tickende Zeitbombe untergejubelt. Blitzartig entriss er mir die Tüte, steckte die rostige Uhr hinein und ließ beides unter seinem Schreibtisch verschwinden. Er holte tief Luft. Es sei absolut verboten, sich an dem Eigentum der Gemeinde zu vergreifen. Das sei strafbar und kriminell. Seine Stimme schnarrte scharf und fast feindlich und hatte nicht mehr den freundlich-jovialen Ton des vorherigen Telefonats.
Noch während seiner Ausfälle hatte sich eine schwere Hand auf meine Schulter gelegt. Ich drehte mich um. Mein Nachbar und Gartenmentor Jannis stand hinter mir und nickte uns freundlich zu. Er habe auf der Gemeinde zu tun und wolle nur einen guten Morgen wünschen. Der Beamte funkelte ihn böse an, was Jannis wenig beeindruckte. Mit einem kecken „Θα τα πούμε“ (Wir sprechen uns) verabschiedete er sich von mir und verschwand in der übernächsten Tür.
Mein Gegenüber war mit seinen Ausfällen aus dem Tritt gekommen. Ich nutzte die Gelegenheit und entschuldigte mich für das unerlaubte Mitbringen. Ich kam nicht weiter. Gestikulierend legte er seinen Zeigefinger vertikal vor seine Lippen und gebot mir zu schweigen. Er räusperte sich und wurde förmlicher. Nächsten Mittwochmorgen solle ich wiederkommen, dann wäre der zuständige Beamte hier und ich könne alles Notwendige beantragen.
Nun wurde ich etwas ungehaltener. So lange sollten wir ohne, mein Blick richtete sich unter seinen Tisch, und ohne Wasser auskommen? Wenn ich ihm anvertraut hätte, dass ich vorübergehend Dimitris’ Wasseruhr benutzte, hätte er sofort die Polizei gerufen und mich verhaften lassen. Ich begann gerade etwas umständlich zu erklären, dass wir doch Wasser bräuchten, als jemand laut und freudig meinen Namen rief. Wieder drehte ich mich um, und wieder stand ein Jannis hinter mir und strahlte mich an. Diesmal war es der beliebteste Mitarbeiter der Gemeinde, Hans-Dampf-in-allen-Gassen, Frühstücksdirektor und die rechte Hand des Bürgermeisters in einem.
Ich hatte ihn während der Dreharbeiten im April kennen und schätzen gelernt. Er unterstützte uns bei Drehgenehmigungen und behördlichen Dingen. Damals hatten wir auch durch ihn eine Einladung beim Bürgermeister, die wir aber aus Termingründen absagen mussten. Darauf kam er nun sofort zu sprechen und wollte wissen, ob wir gleich heute Morgen auf einen Sprung beim Bürgermeister vorbeischauen wollten. Das hier könne ja nicht so lange dauern. „Ή υπάρχουν προβλήματα;“ Ob es Probleme gäbe, wollte er von dem Beamten wissen. Der schaute nur angestrengt in seinen PC. Ich rief Jannis zu, dass es hier noch etwas dauern könne und wir uns vielleicht später auf der Platia in Meseo sehen würden. Er zeigte Daumen hoch und rauschte davon.
Mein Gegenüber rieb sich heftig durchs Gesicht, wandte sich mir zu und fragte fast tonlos nach Namen, Adresse usw. Ich hatte mich gut vorbereitet und hatte alle wichtigen Dokumente parat. Darunter auch die einzige Wasserrechnung, die uns in den letzten drei Jahren per Post zugestellt worden war. Natürlich nicht auf unseren Namen, sondern den eines Vorvorbesitzers. Wir hatten sie trotzdem beglichen und den Beleg angeheftet. Er studierte meine Unterlagen, tippte ab und an etwas in seinen Computer. Nach einer Weile schaute er mich ernst an. Ich wusste, was nun kommen würde. Wir würden nun schon seit fast vier Jahren hier wohnen, täglich Wasser benutzen und hätten es nicht für notwendig gehalten, uns bei der Gemeinde anzumelden, um das Wasser zu bezahlen. Ich fiel ihm sanft ins Wort. Doch, hätten wir. Nach unserem ersten Malheur mit einer undichten Wasseruhr hatte ich uns mit allen Unterlagen via Mail bei der Gemeinde angemeldet und um Zusendung der zukünftigen Wasserabrechnungen auf meinen Namen gebeten. Der Eingang der Mail war damals bestätigt worden, und man hatte um etwas Geduld bei der Bearbeitung gebeten. Beide Mails schob ich ihm ausgedruckt über den Tisch.
Er las, verdrehte die Augen und schnappte sich ein Telefon aus der Ladestation. Erst nach mehreren Versuchen und Nachfragen schien er den richtigen Ansprechpartner an der Strippe zu haben. Es folgte eine Telefonarie mit wechselnden An- und Rückrufen. Daten wurden übermittelt und abgeglichen. Zwischenzeitlich war irgendwo ein Rechner abgestürzt, erneute Abgleiche, und endlich schien eine Lösung in Sicht.
Mein Gegenüber erklärte mir nun zunehmend freundlicher, dass über die Jahre auf dieser Kostenstelle nur eine Rechnung beglichen worden sei. Ich zeigte auf das mitgebrachte Dokument. Er nickte schon fast resigniert. Wenn ich nun bereit wäre, einen berechneten Fehlbetrag, bei dem Forderungen, die vor unserer Zeit aufgelaufen seien, herausgerechnet wären, zu bezahlen, wäre der Fall erledigt. „Πόσο?“ Wieviel? „222,37 €“. Darin wäre auch der Ausbau der alten und der Einbau der neuen Uhr enthalten. Ich musste grinsen und war damit einverstanden. Er wies mir den Weg zur städtischen Zahlstelle im Bürgermeisteramt. Wenn ich bezahlt hätte, solle ich mit dem Beleg gleich wieder bei ihm vorbeikommen.
Das ging problemlos mit EC-Karte, und fünf Minuten später saß ich wieder vor dem Schreibtisch in dem belebten Flur. Mittlerweile war ein Vorgang mit meinem Namen und neuer Kundennummer angelegt worden, den ich ausgedruckt unterschreiben musste. Nun griff der Beamte hinter sich und brachte einen Karton zum Vorschein. Den kannte ich schon von Dimitris. Die neue Wasseruhr. Ich wollte den Karton schon freudig entgegennehmen, aber seine abwehrende Hand ließ mich zögern. Er wolle mit dem Außendienst einen zeitnahen Einbautermin vereinbaren. Er ließ es irgendwo ewig lange anläuten und legte genervt auf. Ich nahm allen Mut zusammen und sagte in ruhigem, aber bestimmtem Ton, dass ich, meine Augen gingen wieder unter den Schreibtisch, problemlos ausgebaut hätte und, ich blickte auf den Karton, auch diese fachgerecht einbauen könne. Er atmete einmal kräftig ein und aus, schob mir den Karton zu und schüttelte mir kräftig und fast freundschaftlich die Hand.
Als ich am Nachmittag mit meinem neuen und hilfsbereiten Nachbarn Dimitris die Wasseruhr wechselte, wollte er wissen, ob es Probleme bei der Gemeinde gegeben hätte. Ich schüttelte den Kopf und musste grinsen. Als wir fertig waren, sagte ich kurz „Περίμενε!“ „Warte“ und ging ins Haus. In meiner bescheidenen Spirituosensammlung hatte ich noch eine Flasche Mirabellenschnaps aus meiner saarländischen Heimat. „Τσίπουρο από την πατρίδα μου“. Ungläubig nahm Dimitris die Flasche entgegen, löste mit den Zähnen den Korken, nahm einen kleinen Schluck, und seine blauen Augen begannen zu strahlen. „Καλή γειτονιά“. Auf gute Nachbarschaft!
Wie es der Zufall wollte, kam Nachbar Thanasis des Weges. Er ist unser lokaler Bauunternehmer, Vater vom Akamatra-Wirt und auch Schwager von Dimitris. Er kannte auch das Bauabschlussgetränk, mit dem wir auch ihn nach kleineren Umbaumaßnahmen beköstigt hatten. Ich holte Gläser, Oliven und Brot, und wir tranken auf die Wasseruhr. Auch auf das große Ereignis, das schon eine geraume Weile in aller Munde war. Den wichtigen Termin, auf den wir schon im März im Akamatra eingeschworen worden waren. Die Hochzeit von seinem Sohn Kostas mit Frieda und die gleichzeitige Taufe seines ersten Enkels. Auf welchen Namen wird er wohl getauft werden? Thanasis schmunzelte etwas verlegen, aber nicht ohne Stolz. „Γεια σας!“

Das Ereignis
Das Ereignis war auf den 4. Oktober 2025, einen Samstagabend, festgelegt. Trauung, Taufe und das große Fest sollten aber nicht hier im Dorf und auch nicht in Kostas’ Taverne stattfinden. So viel war bekannt. Es waren die Tage der Gerüchte und Spekulationen. Wer, wie und wohin wurde eingeladen? Angeblich sollten schon schriftliche Einladungen für den kirchlichen Teil im Umlauf sein. Das halbe Dorf war aufgekratzt und damit beschäftigt, sich schon mal um angemessene Garderobe zu kümmern.
Als wir am Donnerstagnachmittag vor dem großen Ereignis die Treppe von Meseo hinaufstiegen, die unmittelbar neben dem Akamatra endet, fing uns Kostas ab. Wir sollten bitte heute Abend zu einem kleinen Umtrunk vorbeikommen. Wieder mit einem schelmischen Augenzwinkern. Upps, den Termin hatten wir nicht auf dem Schirm. Also machten wir uns am späteren Abend auf zum Umtrunk, mit einem kleinen Geschenk für den Täufling. Man weiß ja nie.

Auf der kleinen Platia vor dem Akamatra war schon ein rauschendes Fest im Gange. Das Personal fing uns ab und lotste uns an die reservierten Plätze, neben unseren neuen Nachbarn Dimitris, dessen Familie mittlerweile aus Piräus und Serifos eingetrudelt war. Das war ein großes Hallo. Die Tische bogen sich von den Leckereien aus der Küche, von Kasserollen mit Lamm, Ziege und Schweinshaxen, von Salaten, von gebackenem Schafkäse, gegrillten Garnelen und Oktopus. Wein und Bier flossen in Strömen, wie bei so einem kleinen griechischen Umtrunk üblich.


Von Dimitris erfuhren wir, dass heute Abend außer der Familie vor allem der Freundeskreis des Brautpaares eingeladen war. Entsprechend munter und turbulent ging es zu. Musiker packten ihre Instrumente aus, und an den Tischen der jungen Leute kreisten schon die ersten Wodkaflaschen. Nach den ersten Takten der Musik eröffnete das Brautpaar den Tanz, der von einem kollektiven und rhythmischen Klatschen angetrieben wurde. Der Reigen öffnete sich und nahm immer mehr Tänzerinnen und Tänzer auf. Wer gerade nicht tanzte, trank oder sang. Die Stimmung auf der Platia unter dem dichten und grünen Blattwerk der alten Maulbeerbäume schien gleichzeitig zu schweben und zu vibrieren.



Als die Musiker gegen zwei Uhr morgens eine Pause einlegten, verabschiedeten wir unsere wunderbare Tisch-Parea. Morgen früh um acht würde ich ihn an der Baustelle erwarten, scherzte ich noch mit meinem neuen Freund und Nachbarn. „Κανένα πρόβλημα. Θα είμαι εκεί.“ (Er werde da sein, versprach Dimitris. War er auch. Kurz nach acht hörte ich anderentags den vertrauten Sound seines Presslufthammers.) Wir bedankten uns beim Brautpaar für den schönen Abend, und kurz bevor wir in unsere Gasse einbogen, hatte uns Saphiro, Kostas’ Mutter, noch zugerufen, dass wir am Samstag gegen 17 Uhr in der Kirche von Agii Theodori sein sollten, und danach würden wir alle gemeinsam feiern. Der kleine Umtrunk war also nur die Ouvertüre. Aber was für eine!
Das Dörfchen Agii Theodori liegt an der Hauptverkehrsstraße von Karlovasi über die Berge in Richtung Südosten. Es gibt eine stattliche Kirche mit dem gleichen Namen. Aber warum möchte man ausgerechnet in diesem Nest getauft oder geehelicht werden? Die Kirchengemeinde wird von einem sympathischen Popen betreut, der weniger orthodox ist als andere orthodoxe Kollegen mit orthodoxeren Vorstellungen vom Sakrament der Ehe.


Die wenigen Straßen von Agii Theodori waren an diesem Samstagnachmittag hoffnungslos zugeparkt. Frauen in aufregender Garderobe und verwegenen Frisuren sowie die Herren der Schöpfung in feinstem Zwirn strömten in Richtung Kirche. Der Vorplatz der Kirche war eine große Bühne. Sehen und gesehen werden. Man fühlte sich etwas fremd, seltsam, man war verkleidet. Die anfängliche Steifheit verwandelte sich in etwas Spielerisches. Man fühlte sich irgendwie festlich und begann, die neue Rolle zu genießen. Die Menge entspannte sich, und man flanierte in Grüppchen in oder aus der Kirche. Man wohnte eine Weile der festlichen Liturgie bei, um sich danach im Vorhof neu zu gruppieren oder sich den stilvoll präsentierten kleinen süßen Leckereien zuzuwenden.


Hochzeit und Taufe bedingen zwei unterschiedliche Liturgien, die nacheinander zelebriert werden wollen und schon mal einige Stunden in Anspruch nehmen können. Die süßen Handschmeichler halfen, die Gäste bei Laune zu halten. Aber irgendwann neigte sich der kirchliche Teil seinem Ende zu, der Reis war geworfen und der kleine nackte Thanasis in heiligem, aber kaltem Wasser getauft.
Es war bereits dunkel, als sich die Massen wieder zu den wild geparkten Autos bewegten. Das Ziel hatte sich wie stille Post während der langen Wartezeit verbreitet. Gefeiert wurde im neuen Gerberei-Museum, einem historischen Industriegebäude in Ormos Karlovasi. Man kann es für solche speziellen Events mieten. Ein stilvolleres Objekt und Ambiente hätte man auf der ganzen Insel nicht finden können. Geschmackvoll eingedeckte Tische, erlesene Weine, ein erstklassiges Buffet und aufmerksames Personal sorgten für einen stimmungsvollen Abend mit Niveau.



Wir wurden am Tisch mit Dorfnachbarn platziert. Davor waren alle Handwerker und Mitarbeiter von Thanasis’ Bauunternehmen versammelt, ein lustiger Haufen, bei dem es schon hoch herging. Rechts daneben hatte man alle befreundeten Gastronomen untergebracht, die sich anscheinend angeregt über die Qualität der Speisen und des Services unterhielten. Insgesamt wurden in dem festlichen Ambiente bestimmt an die 300 Gäste bewirtet. Natürlich waren auch erstklassige Musiker engagiert, und das Brautpaar eröffnete wieder den Reigen. Getanzt und gefeiert wurde bis zum Morgengrauen.

Noch lange sorgte dieses Hochzeitsfest für Gesprächsstoff rund um Karlovasi und hallte lange nach. Auch am letzten Sonntag im November. Es war auch unser traditioneller Abschiedsabend, den wir wie immer mit Freunden im Akamatra verbrachten. Das Wetter war noch mild und sonnig. Wir saßen draußen unter den Maulbeerbäumen. Kostas kam auf eine Zigarette vorbei und lächelte versonnen. „Δεν ήταν ωραίο;“ War es nicht schön? Er meinte nicht das milde Wetter. Ja, es war sehr schön, und noch einmal vielen Dank dafür. „Καλό ταξίδι και τα λέμε του χρόνου.“ Er drückte die Kippe aus und verabschiedete sich mit einem Petzauge.
